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Trifft ein elfjähriges Kind ein Mitverschulden am Autounfall? Urteil des OLG Celle

News von bussgeldkatalog.org, veröffentlicht am: 28. Mai 2021

Trifft ein Kind ein Mitverschulden am Autounfall, wenn es die Straße überquert, obwohl sich ein Auto nähert?
Trifft ein Kind ein Mitverschulden am Autounfall, wenn es die Straße überquert, obwohl sich ein Auto nähert?

Wenn Fußgänger die Straße überqueren, haben sie dem Fahrzeugverkehr Vorrang zu gewähren und gegebenenfalls zu warten. Diese Regel müssen auch Kinder lernen. Andererseits müssen sich Autofahrer Kindern gegenüber besonders rücksichtsvoll verhalten. Doch wer haftet, wenn ein Kind beim Überqueren der Straße von einem Auto erfasst und schwer verletzt wird. Trifft das Kind ein Mitverschulden am Autounfall? Und wie bemisst sich das Schmerzensgeld des verletzten Kindes? Diese Fragen hat nun das Oberlandesgericht Celle beantwortet.

Kind trifft kein Mitverschulden am Autounfall, obwohl es gegen die StVO verstieß

Das Oberlandesgericht stellte klar, dass für Autofahrer besondere Sorgfaltspflichten gelten, wenn sich Kinder in der Nähe befinden. So müssen sie vor allem ihre Geschwindigkeit reduzieren und stets bremsbereit sein.

Der am Unfall beteiligte Autofahrer fuhr schneller als die erlaubten 50 km/h innerorts, obwohl er erkannte, dass sich vor ihm auf der Fahrbahn Kinder befanden. Etwa 40 Meter vor ihm überquerte eine Kindergruppe die Straße. Das letzte Kind befand sich ebenfalls schon auf der Fahrbahn, als es das nahende Fahrzeug sah. Anstatt an der Mittellinie zu warten, setzte das elfjährige Mädchen seinen Weg fort, wurde vom Fahrzeug erfasst und schwer verletzt.

Das Kind verstieß zwar gegen die Verkehrsregeln, weil es dem Autofahrer hätte Vorrang gewähren müssen. Nach Ansicht des Gerichts traf das Kind dennoch kein Mitverschulden am Autounfall und begründete dies mit dem Alter des Mädchens und der Gesamtsituation.

Kinder haften zwar ab dem vollendeten zehnten Lebensjahr für Schäden mit einem Kraftfahrzeug. Allerdings gelten für Kinder andere Maßstäbe in Bezug auf die Sorgfaltspflichten als für Jugendliche und Erwachsene. Dabei dürfen zum Beispiel typisch kindliche Eigenschaften nicht außer Acht gelassen werden, wie Impulsivität, gruppendynamisches Verhalten und mangelndes Konzentrationsvermögen.

Außerdem ist bei der Frage, ob ein Kind ein Mitverschulden am Autounfall trifft, die Gesamtsituation zu berücksichtigen, in der es sich befindet. Dazu heißt es in der Urteilsbegründung:

„Diese Gesamtsituation begründet nach der Ansicht des Senats kein Verschulden der Klägerin. Die Klägerin hat sich in einer Gruppe von Kindern bewegt und hat – nach den Feststellungen des erstinstanzlichen Urteils – zwar das Fahrzeug herannahen sehen, zu diesem Zeitpunkt befand sie sich aber bereits mit den drei vorausgehenden Kindern auf der Fahrbahn, mit denen sie als Gruppe zur Schule gehen wollte. Die hierdurch zwangsläufig entstandene Gruppendynamik, nicht als einziges Kind aus der Gruppe zurückzubleiben, muss bei der Bewertung der Gesamtsituation ebenso berücksichtigt werden, wie die Schwierigkeit, in der Dunkelheit die Entfernung und Geschwindigkeit eines Fahrzeugs richtig zu schätzen.“

[Quelle: OLG Celle, Urteil vom 19.05.2021, 14 U 129/20, Rn. 22]

Schmerzensgeld für das verletzte Kind in Höhe von 35.000 Euro

Nach einem Urteil des OLG Celle trägt das Kind keine Mitschuld am Autounfall, wenn es anderen Kindern auf die Straße folgt.
Nach einem Urteil des OLG Celle trägt das Kind keine Mitschuld am Autounfall, wenn es anderen Kindern auf die Straße folgt.

Weil das Kind kein Mitverschulden am Autounfall trifft, haften der beklagte Autofahrer und seine Haftpflichtversicherung zu 100 Prozent. Dem Oberlandesgericht zufolge steht dem Mädchen ein Schmerzensgeldanspruch in Höhe von 35.000 Euro zu. Darüber hinaus haften die Beklagten in vollem Umfang für weitere Schäden, die aus dem Unfall resultieren.

Bei der Bemessung des Schmerzensgeldes spielen unter anderem folgende Faktoren eine Rolle:

  • Art und Schwere der Verletzung (hier u. a. Beckenringfraktur und Schädel-Hirn-Trauma)
  • Dauerschäden (hier: bleibende Hirnschäden sowie Auswirkungen auf spätere Schwangerschaften infolge der Verletzungen im Genitalbereich)
  • psychische Beeinträchtigungen (hier: Angst- und Belastungssymptome)
  • eigenes Mitverschulden (In diesem Fall traf das Kind eben kein Mitverschulden am Autounfall)

Darüber hinaus muss nach Auffassung des OLG auch das Alter des Unfallopfers bei der Bemessung des Schmerzensgeldes herangezogen werden. Junge Menschen haben ihr Leben noch vor sich liegen und leiden dementsprechend länger an Dauerschäden. Deshalb rechtfertigen diese dauerhaften Schäden auch ein „deutlich höheres Schmerzensgeld als bei älteren Menschen mit einem kürzeren Leidensweg“.

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1 Kommentar

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  1. Dietmar W sagt:

    Eine Gruppe von Kindern auf der Straße, da muss man mit allem rechnen Die Strafe ist viel zu gering. Dieser Unfall ist Beispielhaft für den Krieg der auf den Straßen herrscht. $1 der STVO scheint nicht mehr zu existieren. Ein Radfahrer der eine alte Frau tot fährt zahlt nur etwas weniger als 1700€. Übrigens sind die meisten Verkehrstoten immer noch die Fußgänger, aber die haben keine Lobby. Warum es die Radfahrer sind die angeblich die meisten Qualen erleiden müssen ist für mich immer noch nicht verständlich. Fakt ist Radfahrer sind Farbenblind und an vielen U(Unfällen mit Schuld. Aber Sie sind eben die besseren Menschen.
    Mein Fazit, die Verkehrsregeln müssen angepasst werden für alle und mit gleichen Konsequenzen. und ich meine auch Scooterfahrer oder Ähnliches. Den wenn die Autofahrer alles bezahlen sollen, aber als Belohnung nur noch mehr Einschränkungen erhalten, trägt nicht zur Beruhigung der Situation bei. Meine Botschaft Nehmt alle mehr Rücksicht wir sind alle bloß Menschen die alle mal einen Fehler machen können..

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