Studie zur Aggression im Straßenverkehr: Drängler nehmen zu
Veröffentlichungsdatum: 21. August 2026
Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten
Wie sieht eigentlich das Verkehrsklima auf deutschen Straßen aus? Diese Frage stellt sich regelmäßig die Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Versicherer (UDV) und veröffentlicht alle paar Jahre die aktuellen Ergebnisse ihrer Langzeitstudie. Auch 2026 wurden wieder über 2000 Verkehrsteilnehmer nach ihrem Verhalten und ihrem Sicherheitsempfinden im Straßenverkehr befragt. Dabei zeigt sich: Die Aggression im Straßenverkehr hat in den letzten Jahren zugenommen.
Weniger Rücksicht, mehr Egoismus

Den Autofahrern in der Studie wurden insgesamt 16 Aussagen vorgelegt, die sie bejahen oder verneinen sollten. Alle Aussagen befassten sich mit rücksichtslosem oder egoistischem Verhalten im Straßenverkehr, wie z. B. „Wenn ich mich ärgere, fahre ich viel schneller als sonst” oder „Drängelt die Person hinter mir, trete ich kurz auf die Bremse, um sie zu ärgern.” Bei nahezu allen Fragen zeigte sich der gleiche Trend: Die Aggression im Straßenverkehr hat im Vergleich zu den vorigen Studienergebnissen (erhoben in 2016, 2019 und 2023) zugenommen.
Unser Diagramm zeigt die Zustimmungen zu den Aussagen im Verlauf von zehn Jahren:

Dabei ist Drängeln keinesfalls ein Kavaliersdelikt. Die Unterschreitung des Mindestabstands ist riskant und kann hohe Bußgelder, Punkte in Flensburg und sogar Fahrverbote zur Folge haben. Wird Drängelei als Nötigung gewertet, droht sogar eine Strafanzeige.
| Tatbestand | Bußgeld | Punkte | FahrverbotFVerbot | Lohnt ein Einspruch? |
|---|---|---|---|---|
| Abstandsverstoß bei weniger als 80 km/h | 25 € | eher nicht | ||
| ... mit Gefährdung | 30 € | eher nicht | ||
| ... mit Sachbeschädigung | 35 € | Hier prüfen ** | ||
| Abstandsverstoß mit mehr als 80 km/h | ||||
| ... Abstand weniger als 5/10 des halben Tachowertes | 75 € | 1 | Hier prüfen ** | |
| ... Abstand weniger als 4/10 des halben Tachowertes | 100 € | 1 | Hier prüfen ** | |
| ... Abstand weniger als 3/10 des halben Tachowertes | 160 € | 1 | Hier prüfen ** | |
| ... Abstand weniger als 2/10 des halben Tachowertes | 240 € | 1 | Hier prüfen ** | |
| ... Abstand weniger als 1/10 des halben Tachowertes | 320 € | 1 | Hier prüfen ** | |
| Abstandsverstoß mit mehr als 100 km/h | ||||
| ... Abstand weniger als 5/10 des halben Tachowertes | 75 € | 1 | Hier prüfen ** | |
| ... Abstand weniger als 4/10 des halben Tachowertes | 100 € | 1 | Hier prüfen ** | |
| ... Abstand weniger als 3/10 des halben Tachowertes | 160 € | 2 | 1 Monat1 M | Hier prüfen ** |
| ... Abstand weniger als 2/10 des halben Tachowertes | 240 € | 2 | 2 Monate2 M | Hier prüfen ** |
| ... Abstand weniger als 1/10 des halben Tachowertes | 320 € | 2 | 3 Monate3 M | Hier prüfen ** |
| Abstandsverstoß mit mehr als 130 km/h | ||||
| ... Abstand weniger als 5/10 des halben Tachowertes | 100 € | 1 | Hier prüfen ** | |
| ... Abstand weniger als 4/10 des halben Tachowertes | 180 € | 1 | Hier prüfen ** | |
| ... Abstand weniger als 3/10 des halben Tachowertes | 240 € | 2 | 1 Monat1 M | Hier prüfen ** |
| ... Abstand weniger als 2/10 des halben Tachowertes | 320 € | 2 | 2 Monate2 M | Hier prüfen ** |
| ... Abstand weniger als 1/10 des halben Tachowertes | 400 € | 2 | 3 Monate3 M | Hier prüfen ** |
Und nicht nur die Autofahrer verhalten sich laut Studie rücksichtsloser als noch vor drei Jahren. Auch den Fahrrad- und Pedelec-Fahrern wurden sieben Aussagen zu ihrem Verhalten vorgelegt und es zeigte sich der gleiche Trend: Es wird aggressiver gefahren, weniger Rücksicht genommen und mehr gedrängelt als noch im Jahr 2023.
Schuld sind immer die anderen
Besonders interessant: Die Studienteilnehmer wurden nicht nur nach ihrem eigenen Fahrverhalten befragt, sondern sollten auch die anderen Verkehrsteilnehmer in ihrem Alltag einschätzen. Dabei zeigte sich ebenfalls ein deutlicher Trend: Die Fremdeinschätzungen fielen immer negativer aus als die Selbsteinschätzungen. Während z. B. nur ein Drittel der Autofahrer zugab, gelegentlich so dicht vor einem anderen Wagen einzuscheren, dass dieser abbremsen muss, gaben 88 % von ihnen an, dieses Verhalten bei anderen Autofahrern beobachtet zu haben. Und bei den Fahrradfahrern gestanden nur 40 %, gelegentlich den Zebrastreifen zu überfahren, während doppelt so viele dies bei anderen Fahrradfahren beobachtet haben.
Selbst die Verkehrsteilnehmer, die sich nach eigener Auffassung rücksichtsvoll verhalten, nehmen also eine erhöhte Aggression im Straßenverkehr wahr. Die meisten sehen das Problem demnach bei den anderen, nicht bei sich selbst.
Hektik und Zeitdruck führen zu Rücksichtslosigkeit
Die Leiterin der UDV, Kirstin Zeidler, sieht die Ursachen dieser zunehmenden Aggressionen vor allem in unserem Alltag:
„Das Leben wird immer hektischer, wir sind quasi permanent erreichbar, der Druck nimmt zu. Das geht auch am Straßenverkehr nicht vorbei, die Zündschnur wird kürzer.“
Die Lösung wären Konzepte und Kampagnen, die auf ein rücksichtsvolleres Miteinander im Straßenverkehr abzielen. Die UDV sieht hier vor allem Verkehrsplaner und Verkehrspsychologen in der Verantwortung.
Die Studienteilnehmer selbst sprachen sich teilweise für schärfere gesetzliche Maßnahmen aus. So stimmten beispielsweise 74 % einer strikten 0-Promille-Grenze für alle Kraftfahrer zu und knapp 60 % befürworteten ein Tempolimit von 130 auf Autobahnen – was in beiden Fällen mehr Zustimmungen waren als bei der letzten Befragungen 2023. Mit der zunehmend wahrgenommenen Aggression im Straßenverkehr geht offenbar auch der Wunsch nach strengeren Regeln einher.
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