Reaktionsweg: Auch Sehen, Erkennen und Reagieren dauert seine Zeit

„Wie berechne ich den Reaktionsweg?“

Wie berechnet man eigentlich den Reaktionsweg?

Wie berechnet man eigentlich den Reaktionsweg?

Jeder Führerscheinanwärter sieht sich in der Fahrschule zahlreichen Berechnungen und Formeln gegenüber. Eine der wichtigsten dabei ist der Anhalteweg – die Strecke, die das Fahrzeug benötigt, um vom Auftreten eines Hindernisses bis zum völligen Stillstand zu gelangen. Dieser setzt sich zusammen aus dem Bremsweg und dem Reaktionsweg.

Während der Bremsweg die Strecke beschreibt, die das Auto während des eigentlichen Bremsvorgangs zumindest theoretisch zurücklegt, ist der Reaktionsweg an die Rechenaktivität des Gehirns eines jeden Kfz-Fahrers gebunden. Wenn ein Fahrzeugführer ein Hindernis wahrnimmt, müssen diese Informationen von dessen Leitzentrale verarbeitet und in eine Reaktion umgesetzt werden. Dies nimmt etwas Zeit in Anspruch, wenn auch nicht viel. In dieser legt das Auto aber ebenfalls eine bestimmte Wegstrecke zurück, den Reaktionsweg.

Doch wie genau können Sie den Reaktionsweg beim Auto berechnen? Welche Faktoren können den Reaktionsweg beeinflussen? Dies und mehr erfahren Sie im Folgenden.

So funktioniert die Berechnung vom Reaktionsweg bei Auto, Lkw und Co.

Pflichtprogramm in der Fahrschule: Ohne Berechnung vom Reaktionsweg ist der Führerschein weit entfernt.

Pflichtprogramm in der Fahrschule: Ohne Berechnung vom Reaktionsweg ist der Führerschein weit entfernt.

Der Reaktionsweg beschreibt per Definition die Wegstrecke, die das Fahrzeug in der Zeit zurücklegt, in der der Fahrer ein auftauchendes Hindernis registriert, das Gehirn die Daten verarbeitet und eine entsprechende Reaktion auslöst. Bezogen auf den Anhalteweg eines Kfz ist als Reaktion die Betätigung der Bremse durch den Fahrer anzusehen.

Von diesem Moment an beginnt der Bremsweg. Je nach Geschwindigkeit aber ist die Strecke, die während der Reaktionszeit zurückgelegt wird, zum Teil erheblich – und damit eben auch der am Ende tatsächlich benötigte Anhalteweg.

In der Fahrschule steht der Reaktionsweg deshalb auf der Tagesordnung, weil gerade hier die Sensibilisierung der neuen Fahrer wichtig ist.

Damit die Führerscheinneulinge einschätzen können, wie bedeutsam dieser zurückgelegte Weg ist, wird ihnen in der Fahrschule eine vereinfachte Reaktionsweg-Formel an die Hand gegeben.

Mit dieser Formel können Sie den Reaktionsweg berechnen:

Reaktionsweg in m ≈ (Geschwindigkeit ÷ 10) x 3

Angenommen wird bei dieser Reaktionsweg-Berechnung, dass die maximale Reaktionszeit des Fahrers in etwa eine Sekunde beträgt.

Reaktionsweg + Bremsweg: Die Fahrschule bietet in der Regel vereinfachte Formeln an.

Reaktionsweg + Bremsweg: Die Fahrschule bietet in der Regel vereinfachte Formeln an.

Das geschwungene Gleichheitszeichen bedeutet, dass es sich stets nur um Annäherungswerte handelt, wenn Sie in der Fahrschule Anhalteweg, Reaktionsweg und Bremsweg ausrechnen. Berechnungen bilden theoretische Grundlagen, sind aber nicht immer auch eins zu eins auf die Praxis übertragbar.

Empirisch (erfahrungswissenschaftlich) zeigt sich, dass zahlreiche Faktoren Einfluss auf Reaktionsweg und Bremsweg nehmen können. Diese werden in den vereinfachten Formeln, mit denen Fahranfänger und andere Personen konfrontiert werden, nicht berücksichtigt, sondern werden hier immer unter Idealbedingungen gedacht. Darüber hinausgehende Berechnungen sind Bestandteil physikalischer und komplexer mathematischer Überlegungen.

Bevor wir uns damit beschäftigen, welche Einflüsse auf den Reaktionsweg wirken können, sollen einige Berechnungsbeispiele der Veranschaulichung dienen.

Anschließend geben wir Ihnen auch eine Tabelle an die Hand, in der wir die Berechnung des Reaktionsweges für Geschwindigkeiten bis 200 km/h bereits durchgeführt haben.

Wie lang ist der Reaktionsweg bei 30 km/h?

Um die während der Reaktionszeit mit dem Fahrzeug zurückgelegte Strecke bei einer gefahrenen Geschwindigkeit von 30 km/h zu berechnen, ziehen wir die oben angeführte Formel wieder heran und setzen die Stundenkilometer ein. Fallbezogen ergibt sich damit folgende Rechnung:

Reaktionsweg ≈ (30 ÷ 10) x 3
Reaktionsweg ≈ 9 Meter

Bei einer gefahrenen Geschwindigkeit von 30 km/h legt der Fahrer mit seinem Auto also zirka 9 Meter in der angenommenen maximalen Reaktionszeit von etwa einer Sekunde zurück, bevor die Bremsung beginnt. Erst nach zirka 9 Metern also folgt auf die Wahrnehmung des Hindernisses die Betätigung der Bremse. Gemeinsam mit dem anschließenden Bremsweg ergibt sich der am Ende tatsächlich benötigte gesamte Anhalteweg.

Die Formel für die Berechnung vom Reaktionsweg setzt ideale Bedingungen voraus.

Die Formel für die Berechnung vom Reaktionsweg setzt ideale Bedingungen voraus.

In den folgenden Beispielen wollen wir uns auf die reine Berechnung des Reaktionsweges beschränken und sparen umfangreiche Erläuterungen und überflüssige Repetitionen aus.

Wie lang ist der Reaktionsweg bei 50 km/h?

Reaktionsweg ≈ (50 ÷ 10) x 3
Reaktionsweg ≈ 15 Meter

Wie lang ist der Reaktionsweg bei 60 km/h?

Reaktionsweg ≈ (60 ÷ 10) x 3
Reaktionsweg ≈ 18 Meter

Wie lang ist der Reaktionsweg bei 80 km/h?

Reaktionsweg ≈ (80 ÷ 10) x 3
Reaktionsweg ≈ 24 Meter

Wie lang ist der Reaktionsweg bei 100 km/h?

Reaktionsweg ≈ (100 ÷ 10) x 3
Reaktionsweg ≈ 30 Meter

Fazit: Bei doppelter Geschwindigkeit verdoppelt sich auch der Reaktionsweg. Das liegt daran, dass die angenommene Reaktionszeit immer gleich bleibt – theoretisch.

Tabellarische Übersicht zum Reaktionsweg bis 200 km/h

Gefahrene Geschwindig­keit in km/hReaktionsweg in mGefahrene Geschwindig­keit in km/hReaktionsweg in m
10311033
20612036
30913039
401214042
501515045
601816048
702117051
802418054
902719057
1003020060

Welche Aspekte beeinflussen den Reaktionsweg?

Sowohl Reaktionsweg als auch Bremsweg werden durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst.

Sowohl Reaktionsweg als auch Bremsweg werden durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst.

Wie bereits mehrfach angeklungen gibt es zahlreiche Faktoren, die sowohl Reaktions- als auch Bremsweg beeinflussen können. Während bei letzterem vor allem technische Aspekte wie Reifen- und Fahrzeugbeschaffenheit von Bedeutung sind, ist beim Reaktionsweg der physische und psychische Zustand des jeweiligen Fahrers wichtig. Der Faktor Mensch spielt hier also eine wesentliche Rolle, nicht die Technik.

Im Folgenden finden Sie einige Vorgänge und Einschränkungen, die sich maßgeblich auf die Reaktionszeit auswirken können und somit am Ende auch den Reaktionsweg negativ beeinflussen:

Müdigkeit

Die Reaktionszeit von etwa einer Sekunde ist ein ideales mathematisches Konstrukt. Sie entspricht zwar weitgehend den menschlichen Fähigkeiten, doch unterscheidet sich die Hirnleistung von Mensch zu Mensch und auch zustandsbedingt. Müdigkeit etwa bewirkt, dass das Gehirn eingehende Signale nicht richtig oder normal verarbeiten kann. Registrieren, Verarbeiten und Reagieren finden verzögert statt. Übermüdung kann damit zu einer Reaktionsverzögerung führen, die – trifft es den Fahrer – auch zu einer Verlängerung des Reaktionsweges führt.

Damit ist nicht erst der im schlimmsten Fall durch Übermüdung drohende Sekundenschlaf großes Unfallrisiko, sondern auch generelle Müdigkeit. Die verlangsamte Reaktionszeit verlängert den Reaktionsweg im Notfall und kann so im Zweifel zur Kollision beitragen.

Unaufmerksamkeit

Doch nicht nur körperliche Veränderungen können einen wesentlichen Einfluss ausüben. Besonders gefährlich im Straßenverkehr bleibt die Unaufmerksamkeit des Fahrers. Ablenkungen gibt es dabei viele. Ob nun aber das Handy am Steuer, das Einstellen von Radio oder Navi, Essen, Trinken, Rauchen oder Gespräche: Alle Vorgänge, die den Fahrer vom Geschehen auf der Straße ablenken, können den Reaktionsweg verlängern.

Grund hierfür ist zunächst schon, dass durch die Ablenkung ein Verkehrshindernis entweder zu spät gesehen oder aber zunächst nicht als solches erkannt wird, weil das Gehirn noch mit der Verarbeitung anderer Daten beschäftigt ist. Die Reaktion tritt dann verzögert ein, der Anhalteweg verlängert sich und im Zweifel ist der Auffahrunfall vorprogrammiert.

Ständige Vorsicht und Rücksichtnahme im Straßenverkehr sind damit nachvollziehbar als vorderste Grundsätze in § 1 Absatz 1 Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) festgehalten.

Alkohol und andere Drogen

Der Konsum von Alkohol vor dem Autofahren kann den Reaktionsweg negativ beeinflussen.

Der Konsum von Alkohol vor dem Autofahren kann den Reaktionsweg negativ beeinflussen.

Jedem ist bewusst, dass Rauschmittel jeglicher Art auch einen Einfluss haben auf die Wahrnehmung des Konsumenten. Viele aber unterschätzen, wie schnell gerade Alkohol am Steuer zur Gefahr werden kann. Schon geringe Mengen nämlich verändern die Informationsübertragung im Gehirn.

Wie wirkt Alkohol?

  • Schon bei geringen Blutalkoholkonzentrationen von zirka 0,2 Promille können Betroffene Entfernungen nicht mehr exakt einschätzen. Das hat besonders im Straßenverkehr fatale Auswirkungen – auch auf den Reaktionsweg. Eine Fehleinschätzung der Nähe eines plötzlich auftretenden Hindernisses kann zu einer falschen Entscheidung führen: Statt notwendiger Vollbremsung etwa erfolgt nur eine normale Bremsung und es kommt zum Unfall.
  • Mit zunehmender Alkoholkonzentration verkleinert sich zudem das Sichtfeld des Konsumenten. Beim Autofahren bedeutet ein eingeschränktes Sichtfeld des Fahrers, dass mögliche Hindernisses außerhalb dieses nicht mehr rechtzeitig wahrgenommen werden können.
  • Motorische Ausfälle sind ebenfalls durch den Alkoholkonsum zu befürchten – der Körper gehorcht den Befehlen des Gehirns nicht mehr vollumfänglich, was die Umsetzung der Informationen in eine adäquate Reaktion erschwert.
  • Grundsätzlich verringert Alkohol auch das Reaktionsvermögen, indem das Ethanol im Blut die Übertragung von Daten und Impulsen zwischen den Neuronen im Gehirn verlangsamt.

Alkohol hat damit einen wesentlichen Einfluss auf alle drei Bereiche der Reaktionszeit: Sehen, Erkennen und Reagieren.

Bereits eine Blutalkoholkonzentration von 0,8 Promille verlängert die Reaktionszeit gegenüber dem nüchternen Zustand um 30 bis 50 Prozent. Je länger die Reaktionszeit, desto länger ist am Ende auch der zurückgelegte Reaktionsweg. Grundsätzlich aber kann sich Alkohol bei jedem anders und unterschiedlich schnell bemerkbar machen.

Medikamente

Der Reaktionsweg kann auch durch legale Medikamente negative beeinflusst werden.

Der Reaktionsweg kann auch durch legale Medikamente negative beeinflusst werden.

Ähnlich wie Alkohol und andere Rauschmittel können auch Medikamente die Reaktionsfähigkeit beeinflussen. So wirken zum Beispiel oft schon einfache Antihistaminika (Allergiemittel) ermüdend und können im Straßenverkehr so den Reaktionsweg beeinflussen – auch deshalb sollten diese meist vor dem Schlafengehen genommen werden. Auf der anderen Seite hingegen verringern diese Medikamente die Auswirkungen von Überreaktionen etwa auf Pollenflug, die selbst die Fahrtüchtigkeit einschränken können.

Bei den meisten Medikamenten, die eine ähnliche Wirkung haben können, sind entsprechende Gegenanzeigen im Beipackzettel aufgeführt. Lesen Sie diesen auch deshalb stets gewissenhaft, um auszuschließen, dass die Medikamente Ihnen und anderen Verkehrsteilnehmern am Ende gefährlich werden.

Kommt es zum Unfall, weil Sie unter Medikamenteneinfluss standen, kann Ihnen zumindest eine Teilschuld an dem Schadensereignis zugewiesen werden.

Nach Einschätzung des Deutschen Verkehrssicherheitsrates wirken sich etwa fünf Prozent aller in Deutschland zugelassenen Medikamente negativ auf die Fahrtüchtigkeit aus. Besonders bedenklich sind dabei Beruhigungs-, Schlaf- und Schmerzmittel, aber auch Herzmedikamente, Bluthochdruckmittel und Psychopharmaka.

Gesundheit

Auch gesundheitliche Probleme können die Reaktionszeit und damit den Reaktionsweg im Straßenverkehr beeinflussen. Die Möglichkeiten sind hier zahlreich und reichen von angeborenen mentalen Einschränkungen über psychische Erkrankungen bis hin zu physisch bedingten Defiziten etwa nach einem Schlaganfall.

Mit zunehmendem technischem Fortschritt werden die Fahrer immer stärker durch Assistenzsysteme entlastet, die im Kern zur Vermeidung von Verkehrsunfällen führen sollen. Auch das autonome Fahren ist keine allzu ferne Zukunftsmusik mehr. Aber selbst Maschinen benötigen eine gewisse Reaktionszeit: Die gesammelten Daten müssen zunächst verarbeitet werden. Am Ende würde also auch die komplette Ablösung des Menschen durch den Fahrzeugcomputer nicht dazu führen, dass bei der Berechnung vom Anhalteweg der Reaktionsweg nicht mehr eingeschlossen werden müsste. Nur muss dann nicht mehr der Mensch rechnen, sondern die Maschine.

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