Anhalteweg – Wie lange dauert der Bremsvorgang wirklich?

Sie wollen den Führerschein machen? Anhalteweg berechnen steht mit auf dem Fahrschulprogramm.

Sie wollen den Führerschein machen? Anhalteweg berechnen steht mit auf dem Fahrschulprogramm.

Anhalteweg berechnen leicht gemacht

„Mathematik ist ein geistreicher Luxus“, so sah das zumindest Friedrich der Große. Nichtsdestotrotz kommen die meisten Menschen ohne ein Mindestmaß mathematischer Gleichungen nicht aus.

Und selbst in der Fahrschule spielt dieses bekannte Unbekannte dem ein oder anderen übel mit. Nicht zuletzt dann, wenn es an die Berechnung von Bremsweg, Reaktionsweg und Anhalteweg geht.

Aber in welchem Verhältnis stehen diese Begriffe noch gleich zueinander? Was umfasst der Anhalteweg? Wie können Sie ihn berechnen? Und welche Vorgänge können den Bremsvorgang verlängern? Erfahren Sie mehr im Folgenden.

Was ist der Anhalteweg? Diese Formel gilt

In der Fahrschule taucht neben Anhalteweg und Bremsweg noch ein dritter Begriff auf: der Reaktionsweg. Für das Verständnis und die Ermittlung des Anhaltewegs sind die letzten beiden Bezeichnungen unabdingbar – und auch für dessen Ermittlung. Das zeigt sich bereits an der Faustformel für den Anhalteweg:

Bremsweg + Reaktionsweg = Anhalteweg

Bei der Berechnung gilt die Faustregel: Anhalteweg = Reaktionsweg + Bremsweg!

Bei der Berechnung gilt die Faustregel: Anhalteweg = Reaktionsweg + Bremsweg!

Der Weg, den das Fahrzeug zurücklegt, bis es schlussendlich zum Stillstand kommt, setzt sich damit aus der Strecke zusammen, die für die tatsächliche Bremsung vonnöten ist, und der Strecke, die der Fahrer benötigt, um das Hindernis wahrzunehmen und die Bremsung auszulösen.

Der tatsächlich benötigte Anhalteweg ist demnach also länger als nur der Bremsweg. Doch wie lässt sich der Anhalteweg nun genau berechnen?

Wie Sie den Anhalteweg berechnen

Wie Sie anhand der Faustregel für den Anhalteweg erkennen können, benötigen Sie für dessen Berechnung zwei unterschiedliche Werte: den Bremsweg und die Reaktionszeit. Diese lassen sich jedoch nicht einfach irgendwo ablesen, sondern müssen ihrerseits zunächst einmal berechnet werden.

Schritt 1: Bremsweg berechnen

Um die Strecke zu ermitteln, die das Auto von dem Zeitpunkt der Bremsbetätigung zum Stillstand zurücklegt, benötigen Sie zunächst die gefahrene Geschwindigkeit. Hiernach ist zu unterscheiden, ob es sich um eine Gefahren- bzw. Vollbremsung handelt oder aber um eine normale:

Normaler Bremsweg (in m) ≈ (Geschwindigkeit ÷ 10) x (Geschwindigkeit ÷ 10)
Bei Gefahrenbremsung (in m) ≈ [(Geschwindigkeit ÷ 10) x (Geschwindigkeit ÷ 10)] ÷ 2

Bitte beachten Sie, dass die hier angeführten Formeln sich auf ideale Umstände beziehen – trockene Straße, gute Bremsen und ausreichende Profiltiefe. Bei veränderten Witterungsbedingungen verändert sich auch der Bremsweg und weit mehr Variablen müssen einbezogen werden.

Schritt 2: Reaktionsweg berechnen

Nun genügt der Bremsweg allein nicht, um den gesamten Anhalteweg zu berechnen. Hierzu bedarf es einer weiteren Variablen, die sich nach der jeweiligen Reaktionszeit richtet. Und dieser Punkt ist wesentlich beim Haltevorgang, denn: Der Mensch reagiert auf Ereignisse nicht umgehend, sondern es dauert eine gewisse Zeit, bis die eingehenden Informationen vom Gehirn verarbeitet werden und in einer entsprechenden Reaktion münden.

Das Fahrzeug ist in dieser Zeit also noch in voller Fahrt, sodass während der Informationsverarbeitung auch eine entsprechende Wegstrecke zurückgelegt wird. Unter idealen Bedingungen ist gemeinhin von einer Reaktionszeit von einer Sekunde auszugehen.

Übertragen lautet die Formel, die für die Berechnung vom Reaktionsweg heranzuziehen ist:

Reaktionsweg (in m) ≈ (Geschwindigkeit ÷ 10) x 3

Mit dieser Formel ermitteln Sie, wie viele Meter das Auto in etwa je Sekunde zurücklegt. Bei zwei Sekunden verdoppelt sich der Reaktionsweg also entsprechend.

Berechnungsbeispiele

Nun haben wir alle nötigen Formeln beisammen, mit deren Hilfe sich der Anhalteweg ermitteln lässt. Der Veranschaulichung sollen nun im Folgenden einige Berechnungsbeispiele dienen. Dem Grunde nach sind dabei jeweils drei Einzelberechnungen vonnöten.

Anhalteweg bei 30 km/h

Wie lang ist der Anhalteweg bei 30 km/h?

Wie lang ist der Anhalteweg bei 30 km/h?

  1. Der Bremsweg beträgt bei einfacher Bremsung (nBW) zirka (30 ÷ 10) x (30 ÷ 10) = 9 Meter,
  2. bei Gefahrenbremsung (BWG) die Hälfte, also in etwa 4,5 Meter.
  3. Der Reaktionsweg (RW) beträgt bei 30 km/h etwa (30 ÷ 10) x 3 ≈ 9 Meter je Sekunde.

Damit ergibt sich bei 30 km/h folgender Anhalteweg:

  • Anhalteweg bei normaler Bremsung (nAW): 18 Meter (9 + 9)
  • Anhalteweg bei Gefahrenbremsung (AWG): 13,5 Meter (4,5 + 9)

Die folgenden Beispiele folgen dem hier aufgezeigten Schema und werden aus diesem Grund nur noch verkürzt dargestellt:

Anhalteweg bei 50 km/h

  1. nBW ≈ (50 ÷ 10) x (50 ÷ 10) = 25 m
  2. BWG ≈ 12,5 m
  3. RW ≈ (50 ÷ 10) x 3 = 15 m/s

Damit ergibt sich bei 50 km/h folgender Anhalteweg:

  • nAW ≈ 25 + 15 = 40 m
  • AWG ≈ 12,5 + 15 = 27,5 m

Hier zeigt sich, dass bei 50 km/h eine Sekunde Reaktionszeit den Anhalteweg bereits um insgesamt 15 Meter verlängern kann. Mit jeder weiteren Sekunde kommen auch erneut zirka 15 Meter hinzu. Der Einfluss auf den Bremsvorgang ist also nicht zu vernachlässigen.

Anhalteweg bei 80 km/h

  1. nBW ≈ (80 ÷ 10) x (80 ÷ 10) = 64 m
  2. BWG ≈ 32 m
  3. RW ≈ (80 ÷ 10) x 3 = 24 m/s

Damit ergibt sich bei 80 km/h folgender Anhalteweg:

  • nAW ≈ 64 + 24 = 88 m
  • AWG ≈ 32 + 24 = 56 m

Anhalteweg bei 100 km/h

Unterschätzt, wie lang der Anhalteweg bei 50 km/h und einer Sekunde Reaktionszeit wirklich ist?

Unterschätzt, wie lang der Anhalteweg bei 50 km/h und einer Sekunde Reaktionszeit wirklich ist?

  1. nBW ≈ (100 ÷ 10) x (100 ÷ 10) = 100 m
  2. BWG ≈ 50 m
  3. RW ≈ (100 ÷ 10) x 3 = 30 m/s

Damit ergibt sich bei 100 km/h folgender Anhalteweg:

  • nAW ≈ 100 + 30 = 130 m
  • AWG ≈ 50 + 30 = 80 m

Wie lang ist der Anhalteweg beim Auto? (Tabelle)

In der folgenden Tabelle können Sie die Werte entsprechend für Geschwindigkeiten von bis zu 200 km/h ablesen. Bedenken Sie dabei jedoch, dass in jedem Fall sowohl der Bremsweg als auch der Reaktionsweg unter Idealbedingungen vorgestellt wird (trockene Fahrbahn, optimale Bremswirkung, eine Sekunde Reaktionszeit).

Gefahrene Geschwindig­keit in km/hnormaler Anhalteweg in MeternAnhalteweg bei Gefahren­bremsung in MeternGefahrene Geschwindig­keit in km/hnormaler Anhalteweg in MeternAnhalteweg bei Gefahren­bremsung in Metern
1043,511015493,5
20108120180108
301813,5130208123,5
402820140238140
504027,5150270157,5
605436160304176
707045,5170340195,5
808856180378216
9010767,5190418237,5
10013080200460260
Während der reine Bremsweg sich je nach Intensität der Bremsbetätigung beeinflussen und verkürzen lässt, bleibt der mindestens vermutete Reaktionsweg gleich. Den Anhalteweg mit einer Reaktionszeit unter einer Sekunde zu berechnen, ist nicht sinnvoll, da dies meist als Mindestmaß gelten kann.

Anhalteweg und Sichtweite: Wie schnell sollten Sie maximal bei 50 m Sicht fahren?

Bei einer Sichtweite unter 50 Meter sind maximal 50 km/h erlaubt - auch weil so der Anhalteweg noch ausreicht.

Bei einer Sichtweite unter 50 Meter sind maximal 50 km/h erlaubt – auch weil so der Anhalteweg noch ausreicht.

Eine beliebte Aufgabe zum Anhalteweg in der Fahrschule lautet: Wie schnell dürfen Sie bei 50 m Sichtweite auf den Anhalteweg bezogen maximal fahren, um im Notfall noch rechtzeitig vor einer Kollision zum Stehen zu kommen?

Jede Sichteinschränkung stellt ein potentielles Unfallrisiko dar. Deshalb sind alle Kfz-Führer nach § 3 Absatz 1 Satz 2 Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) stets dazu angehalten, die Geschwindigkeit den jeweiligen „Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen“ anzupassen.

Die Sichtbehinderung durch Nebel und starken Niederschlag kann bei unangepasster Fahrweise schnell zu teils schweren Auffahrunfällen führen. Besonders auf der Autobahn unterschätzen Fahrzeugführer den bei hoher Geschwindigkeit und einer Sichtweite von etwa 50 m benötigten Anhalteweg.

Aus der obigen Tabelle ergibt sich, dass bereits eine Geschwindigkeit von 60 km/h mit einem normalen Bremsweg von 54 Metern einhergeht. Das bedeutet bei einer so geringen Sichtweite: Wenn Sie 50 Meter vor Ihnen ein Hindernis wahrnehmen, darauf reagieren und bremsen, kommen Sie nicht mehr sicher rechtzeitig zum Stehen.

Nun könnte der ein oder andere argumentieren, dass ja zumindest eine Vollbremsung noch immer rechtzeitiges Anhalten ermöglichen würde. Doch: Auch jede Vollbremsung birgt Risiken und kann Auffahrunfälle provozieren. Wer unbedacht und unangemessen eine Gefahrenbremsung ausführt, muss im Schadensfall zumindest mit einer Teilschuld rechnen.

Aus diesem Grund ist schon rein rechnerisch eine Geschwindigkeit von 50 km/h bei einer Sichtweite von 50 m angemessen. Die zu erwartende, für die Bremsung benötigte Strecke von normal 40 Metern garantiert, dass der Anhalteweg bei einer 50-m-Sicht ausreicht. Es handelt sich hierbei jedoch nicht nur um eine verkehrsrechtliche Empfehlung.

§ 3 Absatz 1 Satz 3 StVO schreibt diese Maximalgeschwindigkeit jedem Fahrzeugführer vor:

Beträgt die Sichtweite durch Nebel, Schneefall oder Regen weniger als 50 m, darf nicht schneller als 50 km/h gefahren werden, wenn nicht eine geringere Geschwindigkeit geboten ist.“

Das gilt auch und gerade auf der Autobahn!

In einer 30er Zone müssen sich die Verkehrsteilnehmer dann selbstverständlich an die vorgegebene Höchstgeschwindigkeit halten, die Maximalgeschwindigkeit von 50 km/h ist hier nicht anzuwenden. Sie müssen hier also nicht zwangsläufig die für den Anhalteweg gebotene Faustformel bemühen: Die 50 km/h als Maßgabe sind bereits im Verkehrsrecht fest verankert.

Was beeinflusst den Anhalteweg?

Wie lang ist der Anhalteweg bei 50 km/h und Schneeglätte?

Wie lang ist der Anhalteweg bei 50 km/h und Schneeglätte?

Wie bereits schon mehrfach angemerkt handelt es sich bei den hier dargestellten und auch in der Fahrschule für den Anhalteweg dargebotenen Formeln um Idealberechnungen. Sie beziehen sich stets auf eine ideale Bremsleistung auf trockener Fahrbahn und einer maximalen Reaktionszeit von einer Sekunde. Das bedeutet nun aber auch, dass es sich bei den Ergebnissen immer nur um Annäherungswerte handeln kann, denn es gibt unzählige Umstände, die den Haltevorgang beeinflussen können.

Dabei kann sowohl der Brems- als auch der Reaktionsweg durch unterschiedlichste Gegebenheiten von diesen Idealwerten abweichen. Im Folgenden einige Umstände, die den Bremsweg selbst nachteilig beeinflussen und insgesamt verlängern können:

  1. Fahrbahnglätte durch Eis, Schnee, nasses Laub, Rollsplit usf.: Durch unterschiedlichste Beschaffenheiten kann die Reibung zwischen Reifen und Fahrbahn sich verringern, sodass die Bremswirkung sich verzögert. Besonders beim Aquaplaning kann eine zu starke Bremsung schnell auch zum Schlingern und Ausbrechen des Fahrzeugs führen.
  2. abgefahrene Reifen: Ist die Mindestprofiltiefe unterschritten oder weisen die Reifen sonstige Mängel auf, können diese ebenfalls nicht mehr genügend Reibung erzeugen, sodass die Bremsung nicht optimal wirkt.
  3. verschlissene Bremsscheiben: Auch andere Einrichtungen am Fahrzeug können die Bremswirkung beeinflussen, allen voran die Bremsscheiben. Sind diese abgenutzt oder funktionieren aus einem anderen Grund nicht ausreichend, können sie nicht genug Kraft erzeugen, um die Reifen abzubremsen. Diese übertragen entsprechend weniger Bremsenergie auf den Asphalt.
  4. zu geringer Bremsflüssigkeitsfüllstand: Die meisten Fahrzeugbremssysteme arbeiten über Hydrauliköl. Ist zu wenig Flüssigkeit in den Bremsleitungen, kann das Signal durch Betätigen der Bremsen nicht optimal an die Bremsscheiben weitergeleitet werden, die Bremsung verzögert sich.

Doch auch der Mensch kann die Länge vom Anhalteweg negativ beeinflussen. Die Reaktionsfähigkeit verlangt einem jeden Kfz-Führer uneingeschränkte Aufmerksamkeit im Straßenverkehr ab. Dementsprechend können folgende Vorgänge die Reaktionszeit erhöhen und damit den Anhalteweg verlängern:

  1. Handy am Steuer, Essen, Trinken usf.: Jedwede Tätigkeit, ob nun das Telefonieren am Steuer, das Trinken oder das Anzünden einer Zigarette, lenkt den Fahrer – mal mehr, mal weniger – ab. Dadurch können plötzlich auftretende Hindernisse erst später wahrgenommen werden, sodass sich der Reaktionsweg verlängert.
  2. Müdigkeit: Je müder eine Person ist, desto mehr Zeit benötigt ihr Gehirn für das Verarbeiten von Informationen. Nicht nur erst der Sekundenschlaf ist schon gefährlich, sondern bereits eine generelle Übermüdung.
  3. Alkohol und Betäubungsmittel: Auch Rauschmittel beeinflussen die Hirnaktivitäten. Bereits ab einer Blutalkoholkonzentration von 0,8 Promille kann sich die Reaktionszeit um etwa 50 % erhöhen.
Es zeigt sich, dass der Anhalteweg sich sowohl durch technische als auch menschliche Defizite maßgeblich verlängern kann. Damit ist die oben dargelegte Formel für den Anhalteweg nur als Faustregel zu begreifen, sie liefert jedoch nicht unter sämtlichen Umständen exakte und realitätsnahe Ergebnisse.

Anhalteweg bei anderen Fahrzeugen

Der Anhalteweg von einem Motorrad ist etwas länger als beim Pkw.

Der Anhalteweg von einem Motorrad ist etwas länger als beim Pkw.

Darüber hinaus gibt es auch bei anderen Kfz-Klassen einige Besonderheiten, die den Anhalteweg maßgeblich beeinflussen können. Während der Reaktionsweg stets von dem jeweiligen Fahrer abhängt, richtet sich der Bremsweg selbst etwa auch nach dem Fahrzeuggewicht. Folgende Einflüsse lassen sich bei anderen Kfz beobachten:

  • Lkw: Lastkraftwagen sind wesentlich schwerer als Pkw und Motorrad. Durch das zusätzliche Gewicht verlängert sich dabei automatisch auch der Bremsweg und damit der gesamte Anhalteweg. Zusätzliche Reifen mit Bodenhaftung mildern diesen Effekt jedoch ab.
  • Motorrad: Motorräder sind zwar die Leichtgewichte unter den Kfz, dennoch ist der Bremsweg verglichen mit Pkw meist länger. Das liegt zum einen an den etwas schwächeren Bremsen, die aufgrund des geringeren Gewichts aber dennoch ausreichend sind. Zum anderen haben hier auch nur zwei Reifen Bodenhaftung, sodass die entstehende Reibung geringer, die Bremswirkung weniger stark ist.

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