Abbiegeassistent für Lkw: Pflicht oder Kür?

Von Sandra, letzte Aktualisierung am: 10. September 2019

Radfahrer sind im Verkehr vielen Gefahren ausgesetzt

Ein Abbiegeassistent im Lkw kann Leben retten: Er ist eine Möglichkeit, Unfälle an Kreuzungen zu verhindern.
Ein Abbiegeassistent im Lkw kann Leben retten: Er ist eine Möglichkeit, Unfälle an Kreuzungen zu verhindern.

Zahlen des Statistischen Bundesamts besagen, dass im Jahr 2018 in ganz Deutschland 455 Radfahrer zu Tode kamen. Damit zählen sie zu den am stärksten gefährdeten Verkehrsteilnehmern. Viele der Unfälle, in die Radfahrer verwickelt werden, spielen sich in innerstädtischen Kreuzungsbereichen ab.

Obwohl auch andere Radfahrer und Fußgänger häufig Unfallgegner sind, stellen Zusammenstöße mit Pkw und Lkw doch das größte Gefahrenpotenzial dar. Immer wieder kommt es vor, dass Fahrer ein Fahrrad beim Rechtsabbiegen übersehen. Das liegt häufig nicht einmal an fehlender Achtsamkeit, sondern daran, dass sich der Fahrradfahrer oder auch ein Fußgänger in dieser Situation gerade im toten Winkel befindet. Abhilfe kann ein Abbiegeassistent im Auto schaffen. Wie dieses Fahrassistenzsystem funktioniert, erfahren Sie hier.

FAQ: Abbiegeassistent

Wie unterstützt der Abbiegeassistent den Fahrer?

Durch spezielle Sensoren erkennt der Assistent, ob sich z. B. Fahrradfahrer im toten Winkel befinden und warnt den Fahrer, ehe dieser abbiegt.

Kann der Abbiegeassistent auch selbst eingreifen?

Neben einem Warnsignal kann er auch abbremsen, ehe es zum Unfall kommt.

Ist der Abbiegeassistent gesetzlich vorgeschrieben?

Ab 2022 sollen in Bussen und Lkw Abbiegeassistenten vorhanden sein.

Was ist ein Abbiegeassistent?

Abbiegeassistent zum Nachrüsten: Lkw- und Pkw-Fahrer können von derartigen Systemen profitieren.
Abbiegeassistent zum Nachrüsten: Lkw- und Pkw-Fahrer können von derartigen Systemen profitieren.

Abbiegeassistenzsysteme sollen verhindern, dass schwächere Verkehrsteilnehmer wie Rad- und Rollerfahrer und Fußgänger durch den Fahrer eines Pkw oder Lkw beim Rechtsabbigen übersehen werden. Sie dienen also grundsätzlich der Erhöhung der Verkehrssicherheit. Ist ein Abbiegeassistent verbaut, erkennt dieser, wenn sich entsprechende Personen in direkter Nähe zum Fahrzeug befinden.

Ein elektronischer Abbiegeassistent warnt den Fahrer in so einem Fall durch ein akustisches oder optisches Signal. Sofern dieser nicht entsprechend reagiert, kann der Assistent mitunter selbständig eine Bremsung einleiten, indem er ein Notfallsignal an die Bremse sendet. Üblicherweise erkennt ein Rechts-Abbiegeassistent den beginnenden Abbiegevorgang des Fahrers, weil er an den Lenkeinschlag bzw. an den Fahrtrichtungsanzeiger gekoppelt wird.

Offiziellen Schätzungen zufolge könnten etwa 60 Prozent aller schweren Lkw-Unfälle durch Abbiegeassistenten verhindert werden. Das besagen beispielsweise Zahlen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC).

Gesetzliche Regelungen zu Abbiegeassistenten

Der Abbiegeassistent ist keine Pflicht, aber auf EU-Ebene soll sich das bald ändern.
Der Abbiegeassistent ist keine Pflicht, aber auf EU-Ebene soll sich das bald ändern.

Aktuell sind Abbiegeassistenzsysteme noch freiwillig zu verbauen. Das soll sich allerdings bald ändern: Der Abbiegeassistent für Lkw soll per Gesetz verpflichtend werden. Das wurde in Brüssel entschieden und gilt dementsprechend bald EU-weit. Ab 2022 soll ein Abbiegeassistent in jedem Bus und Lkw eines neuen Fahrzeugtyps verbaut werden. Ab 2024 gilt entsprechendes für alle Neufahrzeuge.

Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) unter Bundesminister Andreas Scheuer will die Nachrüstung der Lkw, die bereits auf den Straßen unterwegs sind, indes beschleunigen. Hierfür wurde im Jahr 2018 die sogenannte Aktion Abbiegeassistent ins Leben gerufen. Da es den Abbiegeassistent auch zum Nachrüsten gibt, soll Förderung von staatlicher Seite Unternehmen dazu bewegen, ihre Fahrzeuge bereits jetzt mit solchen Systemen auszustatten.

Hierfür steht ab 2019 bundesweit ein jährliches Budget von fünf Millionen Euro zur Verfügung. Ob es bei diesen Subventionen bleibt, ist allerdings fraglich: Die für 2019 veranschlagte Fördersumme war innerhalb von vier Tagen nach Beginn der Aktion aufgebraucht, woraufhin sie zunächst um weitere fünf Millionen Euro erhöht wurde.

Das Förderprogramm wird eine Laufzeit von fünf Jahren haben. Ein Abbiegeassistent für Lkw bringt Kosten in der Anschaffung mit sich, die zu 80 Prozent gefördert werden können. Pro Fahrzeug liegt die maximale Bezuschussung bei 1.500 Euro.

Verschiedene Systeme, verschiedene Funktionsweisen

Abbiegeassistenzsysteme warnen den Fahrer nicht nur, sondern können teils auch einbremsen.
Abbiegeassistenzsysteme warnen den Fahrer nicht nur, sondern können teils auch einbremsen.

Grundsätzlich hat jeder Abbiegeassistent die gleiche Funktion, aber nicht zwingend die gleiche Funktionsweise. Üblicherweise werden aktuell drei Typen von Systemen unterschieden:

  • Ultraschall-Assistenten mit Kamera-Monitor-System (KMS)
  • Radarsysteme mit optionalem KMS
  • Sensoroptische Systeme mit optionalem KMS

Ist ein KMS verbaut, nutzt dieses in der Regel eine Weitwinkelkamera, die vorne rechts am Lkw angebracht wird. Sie beobachtet den gesamten rechten toten Winkel, der andernfalls nicht eingesehen werden kann. Um einer Kollision mit Radfahrern vorzubeugen, werden weiterhin Sensoren an der Seite des Lkw angebracht, die üblicherweise mindestens ein optisches Signal an den Fahrer senden, wenn sich eine Gefahrensituation anbahnt.

Das optische Signal wird in der Regel über eine LED-Anzeige im Fahrerhaus ausgegeben. Es kann an ein akustisches Signal gekoppelt sein. Der Abbiegeassistent kann Sie aber auch erst dann warnen, wenn Sie den Abbiegevorgang trotz des optischen Signals fortsetzen: Das ist bei verschiedenen Modellen unterschiedlich geregelt.

Abbiegesysteme müssen nicht zwingend mit einer Kamera ausgestattet sein. Eine solche ist allerdings nötig, wenn der Assistent berechnen soll, ob eine Kollision durch einen heranfahrenden Radfahrer droht. Arbeitet das Gerät nur mit Sensoren, kann lediglich signalisiert werden, dass sich ein Radfahrer im toten Winkel befindet. KMS-Systeme sind daher deutlich dynamischer.

Mittlerweile ist ein Abbiegeassistent auch für Pkw in Planung. Ein solcher soll das Umfeld des Fahrzeugs mittels Nahbereichs-Radars erfassen können.

Wie fehleranfällig sind Abbiegeassistenten?

Abbiegeassistent: Die Förderung durch das BMVI soll die Nachrüstung von Lkw beschleunigen.
Abbiegeassistent: Die Förderung durch das BMVI soll die Nachrüstung von Lkw beschleunigen.

Ein Abbiegeassistent kann durch verschiedene Umstände fehlerhaft arbeiten. So ist es etwa möglich, dass ein Radfahrer oder ein Fußgänger nicht vom System erkannt wird, wenn zwischen ihm und dem Lkw Hindernisse sind. Solche können beispielsweise parkende Fahrzeuge oder Bäume am Fahrbahnrand sein. Nach aktuellem Stand der Technik werden andere Verkehrsteilnehmer also nur dann erkannt, wenn sie sich unmittelbar neben dem Lkw befinden.

Andererseits kann es auch passieren, dass ein Abbiegeassistent dem Fahrer eine Gefahr signalisiert, die überhaupt nicht gegeben ist. Das ist bei manchen Systemen etwa im Falle von Ampeln, Masten, Verkehrsschildern oder Bäumen möglich. Bereits heute gibt es aber Assistenten, die statische Objekte erkennen können. In einschlägigen Tests haben derartige Systeme nur eine geringe Fehlerquote erkennen lassen. Eine solche ist nicht nur wichtig, weil die Gefahr eines Unfalls hierdurch minimiert wird. Auch das Vertrauen des Fahrers in das System wird gestärkt, wenn der Abbiegeassistent nicht ständig eine unbegründete Warnung sendet.

Wie sich einzelne Abbiegeassistenten aktuell voneinander unterscheiden, können Sie in diesem Video des ADAC sehen:

Die Anforderungen, denen ein Abbiegeassistent in Zukunft genügen muss, werden von der United Nations Economic Commission for Europe (UNECE) festgelegt.
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